Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren verstorben

Die ehemalige Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin Rita Süssmuth. Bildquelle: @CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Die ehemalige Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin Rita Süssmuth ist am 1. Februar 2026 im Alter von 88 Jahren in Neuss gestorben.

Die engagierte Pädagogin, Hochschulprofessorin und eine der einflussreichsten Politikerinnen der Bundesrepublik hinterlässt ein beeindruckendes Lebenswerk, das von gesellschaftlichem Fortschritt, Frauenrechten, humaner Gesundheitspolitik und internationaler Verständigung geprägt war.

Rita Süssmuth, geborene Kickuth, kam am 17. Februar 1937 in Wuppertal zur Welt. Als zweites von fünf Kindern eines Lehrers und Rektors wuchs sie in einem musischen und religiös geprägten Elternhaus auf. Nach dem Abitur 1956 studierte sie Romanistik, Geschichte und Pädagogik an den Universitäten Münster, Tübingen und Paris. 1961 legte sie das Staatsexamen für das Lehramt ab. 1964 promovierte sie und heiratete den Historiker Hans Süssmuth, mit dem sie bis zu dessen Tod 2020 verheiratet war und eine Tochter hatte.

Ihre wissenschaftliche Karriere begann sie als Assistentin und Dozentin an verschiedenen Hochschulen, darunter in Stuttgart, Osnabrück und Bochum. Ab 1969 war sie Professorin für International vergleichende Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und später an der Universität Dortmund. 1982 übernahm sie die Leitung des Instituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover, wo sie sich intensiv mit Frauen- und Geschlechterfragen auseinandersetzte.

Politischer Weg

Als politische Seiteneinsteigerin trat sie 1981 der CDU bei. Bereits 1983 leitete sie den Bundesfachausschuss Familienpolitik. 1985 berief Bundeskanzler Helmut Kohl sie überraschend zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 mit dem Ressort Frauen). In dieser Rolle setzte sie sich für ein modernes Familienbild, die Gleichberechtigung von Frauen und eine menschenwürdige Aids-Politik ein, Themen, die sie über Parteigrenzen hinweg prägten und oft auch innerhalb der Union kontrovers diskutiert wurden.

Von 1987 bis 2002 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an, zunächst als direkt gewählte Abgeordnete für Göttingen. Am 25. November 1988 wurde sie zur Präsidentin des Deutschen Bundestages gewählt, ein Amt, das sie bis 1998 mit großer Würde und Autorität ausübte. In dieser Zeit repräsentierte sie das Parlament in der Phase der Deutschen Einheit und setzte sich für Versöhnung mit Polen und Israel ein.

Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag blieb sie aktiv: als Vorsitzende der Frauen-Union (1986–2001), in zahlreichen Gremien, als Schirmherrin und Jury-Mitglied – etwa beim Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in Osnabrück. 2022 wurde sie zur Ehrenbürgerin ihrer langjährigen Wahlheimat Neuss ernannt. Bis zuletzt engagierte sie sich trotz einer 2024 öffentlich gemachten Brustkrebserkrankung für Demokratie, Frieden und Menschenrechte.

Stimmen aus der Union

Jens Spahn, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, würdigte Süssmuth mit bewegenden Worten:

„Ich verneige mich vor Rita Süssmuth. In unsere Trauer mischt sich Hochachtung und tiefer Respekt für ein beeindruckendes politisches Leben. Rita Süssmuth stand für einen neuen Typus Politikerin. Sie ist Vorreiterin für so viele, die ihr nachfolgten und folgen.

Sie hat politischen Einfluss nie gesucht, er kam zu ihr. Sie hatte eine Wärme, die man nicht erlernen kann. Und sie hatte die Gabe, dass man sich nach jedem Gespräch mit ihr besser fühlte. Ich werde genau diese Begegnungen mit ihr am meisten vermissen.“

Spahn betonte zudem ihre gesellschaftsverändernde Rolle: „Ihre Politik gegen AIDS, gegen Ausgrenzung und für eine HIV-Prävention hat unsere Gesellschaft verändert. Sie setzte auf Menschlichkeit, nicht auf Stigmatisierung. Als homosexueller Mann waren diese gesellschaftlichen Errungenschaften, die untrennbar mit Rita Süssmuth verbunden bleiben, mehr, als ich mir in dieser Zeit hätte vorstellen können. Ich bin ihr auch dafür ganz persönlich dankbar. Sie war für mich Vor- und Leitbild – als Gesundheitsministerin war sie prägend.“

Auch ihre Amtszeit als Bundestagspräsidentin hob er hervor: „Auch als Bundestagspräsidentin hat sie unser Land mit Würde vertreten. Ihre Verständigung mit Polen und Israel ist – neben ihrer modernen Sozialpolitik – ihr wohl größtes Verdienst. Mit ihr verband sich Hoffnung auf ein modernes Land – sie hat sie erfüllt. Wir werden sie vermissen.“

Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter erinnerte an die enge Verbindung Süssmuths zur Stadt:

„Rita Süssmuth war eine große Demokratin und eine starke Stimme für Frieden, Menschenrechte und Verständigung. Als langjähriges Mitglied der Fachjury des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises war sie der Stadt Osnabrück eng verbunden.

Sie stand für eine klare, menschenzugewandte und zugleich streitbare Demokratie. Dafür sind wir ihr sehr dankbar und werden ihr Andenken in Ehren halten.“

Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine der prägenden Figuren der Nachkriegspolitik, eine unbequeme Vordenkerin, die über Parteigrenzen hinweg Respekt und Bewunderung genoss.