Die Leidensfähigkeit der Deutschen

Ein Kommentar von Bianka Specker

„Darüber schreiben wir nicht!“

Wir dürfen nicht reden, wir sollen nicht schreiben. „Nazi!“ „Rechte Sau!“ „Willst Du den gesellschaftlichen und sozialen Abstieg?“

Es geht so nicht weiter, wir müssen reden und ich muss das hier schreiben. Durch den Tod des Jungen auf Gleis 7 am Frankfurter Hauptbahnhof wurde eine rote Linie überschritten.

Gleis 7, eine Mutter steht am Gleis mit ihrem Sohn, vielleicht fahren sie in die Ferien, besuchen Freunde oder Verwandte oder holen einfach nur einen lieben Menschen ab.

Nie hätte wohl jemand vermutet, dass dort der Tod lauern würde. Der Hauptbahnhof in Frankfurt hat zwar seine sehr problematischen Ecken und Ebenen, aber die kennt und meidet man. „Street smart“ nennt sich das moderne Phänomen, problematischen Ecken und Vierteln aus dem Weg zu gehen.

Allein der Gedanke als Mutter auf dem Bahngleis 7 zu stehen, auf den Zug zu warten und plötzlich unerwartet um das eigene und das Leben des Kindes kämpfen zu müssen, weil heimtückisch jemand Gewalt auf den Körper ausübt und man auf die Gleise gestoßen wird – unvorstellbar.

Die Mutter des Jungen konnte sich noch in Sicherheit bringen, aber das eigene Kind starb vor ihren Augen. Sie konnte ihrem Sohn nicht mehr helfen, es ging alles zu schnell.

Diese Mutter und diese Familie, sie werden nie wieder normal leben können. Sie wird sich ewig schuldig fühlen. „Hätte ich was anders machen können?“, „Hätte ich die Gefahr sehen müssen?“ Das werden Gedanken sein, die sie hoffentlich überwinden wird. Denn niemand von uns rechnet mit so einem Angriff aus dem Hinterhalt, dann wäre ein normales Leben gar nicht möglich.

Segregation

Wenn nun Menschen sich mit einem mulmigen Gefühl und umherblickend an das Bahngleis stellen, dann ist das statistisch gesehen vermutlich völlig unbegründet. Diese subjektive Angst vor Gefahren, die das Überleben sichert und genetisch verankert ist, kann aber nicht eingedämmt werden, vor allem, wenn es weitere „Einzelfälle“ gibt.

Gruppenvergewaltigungen, Randale in Freibädern, die Kölner Silvesternacht, Kandel und der Anschlag vom Breitscheidplatz, Messer und Gewalt in den Schulen und an Gerichten, sogar gegenüber der Polizei und Rettungskräften – all diese Fälle und die Untätigkeit führen zur Segregation und zu Fremdenhaß.

Pfeffersprays gehören mittlerweile in jede Frauenhandtasche und auch die Männer kaufen es. Freibäder werden gemieden, der Pool im Garten genießt eine Renaissance, die Möbelmesse verzeichnet größeres Interesse, das „Homing“ wird in. Abends, wenn man rausgeht, steht Security an den Eingängen, einige Lokale bringen Frauen mit Begleitschutz anschließend zum Wagen ins Parkhaus. Sonst gilt die Empfehlung: „Taxi rufen und drinnen warten.“

Wer die Täter sind? Nun ja, „Männer“. Mir ist kein Fall bekannt, bei der eine Frau mit einer Machete, einer Axt oder einem Messer ausgeflippt ist. Diese Fälle wird es vermutlich auch geben, aber wie die Anzahl der Frauen in den Gefängnissen wird ihre Anzahl bei den neuen Gewaltdelikten überschaubar sein.

Analyse und Prävention

In Voerden war der Mann ein serbischer Staatsbürger, in Deutschland geboren, in Frankfurt war der Täter ein Mann aus Eritrea. Herauszufinden welches Motiv sie hatten und warum sie diese Taten ausführten ist Aufgabe der Polizei, ebenso die Suche nach einem Muster oder Verbindungen.

Aufgabe der Presse

Unsere Aufgabe als Presse ist es, offen darüber zu berichten. Nur in einer offenen Gesellschaft in der Probleme und Herausforderungen ehrlich analysiert werden und anschließend an einer Lösung der Probleme gearbeitet wird, kann ein Miteinander aller möglich sein. Ohne Haß und Ressentiments.

Ich stellte schon vor Jahren die Frage nach der Sicherheit bei einer öffentlichen Veranstaltung. Ich wollte wissen, was für Maßnahmen getroffen wurden. Es interessiert die Menschen. Sie wollen Sicherheit und Ordnung und nach getaner Arbeit die Seele baumeln lassen. Niemand möchte an Gefahren denken.

Nachdem ich die Frage dem Veranstalter gestellt hatte, sagte ein Jemand einer großen Zeitung in sehr harschem Ton zu mir:

„Darüber schreiben wir nicht!“

Ich fand das Benehmen und den Ausbruch des Kollegen sehr befremdlich.

Ich frage nach. Ich schreibe.

Wenn es brodelt in einem Kochtopf voller Probleme und man den Deckel draufmacht, um Ruhe zu suggerieren – jeder weiß, was dann passiert.

Es ist Zeit zu reden und es ist Zeit, dass die Politik handelt.

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