Zukunft des Neumarkt und Johannisstraße

Von links nach rechts: Stephan Zech, (Zech Architekten) Bernd Dälken, (Dälken Ingenieurgesellschaft mbH), Oliver Meyer-Leive, Projektentwicklung, Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert (Leiter des Institut Logis.Net), Dr. Claas Beckord, (Projektmanager Neumarkt) und Dr. E. h. Fritz Brickwedde (CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat Osnabrück).

Auf Einladung der Osnabrücker CDU Fraktion referierten am vergangenen Montag Fachleute im Rahmen einer öffentlichen Fraktionssitzung und Informationsveranstaltung zum Thema „Zukunft des Neumarkt und Johannisstraße“.

Der Ort für die Veranstaltung war mit dem VGH Gebäude bewusst gewählt worden, wie Dr. E. h. Fritz Brickwedde, CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat Osnabrück, deutlich machte.

Der Weg zum VGH Gebäude war schon nicht einfach. Es staute sich auf dem Weg von der Osnabrück Halle über den ganzen Schloßwall.

Dem Vertreter der Regionaldirektion der VGH, welcher die Nutzung der Räume möglich machte, war es auch ein Anliegen auf die Situation am Neumarkt aufmerksam zu machen. Die VGH hat sich im Gegensatz zur Konkurrenz ihren traditionellen Strukturen bewahrt – also ihre dezentrale Aufstellung mit einer landesweit einmaligen Kundennähe – wo sie die Betreuungsqualität für die Kunden optimiert anbieten möchte. Um das Angebot aufrecht zu halten, muss die Situation am Neumarkt verbessert werden. Abgesehen von der Verkehrssituation ist der Neumarkt mit dem ehemaligem Wöhrlgebäude wahrlich kein Hingucker. Ein attraktives und modernes Zentrum mit Anziehungskraft sieht anders aus.

Dieser Zustand soll sich ändern

Deswegen ist der Neumarkt nicht nur von Oberbürgermeister Griesert zur Chefsache erklärt worden, sondern es erfolgte auch die Einladung der CDU Fraktion an die Fachleute und Bürger, um in einen gemeinsamen Dialog zu treten und die Planung besser zu gestalten.

Wie Dr. Claas Beckord, Projektmanager Neumarkt von der Stadt Osnabrück erläuterte, hat sich schon einiges am Neumarkt verändert, der Bau des Hasehauses am neuen Haseuferweg nach Abbruch des Café Coppenrath und der denkmalgerechten Renovierung und Sanierung des Landgerichts. Beckord erinnerte auch an die Entfernung der einengenden Rampe in der Johannisstraße und auch der Haltestellen Dächer vor dem Landgericht. Nun sei der Blick auf das wichtige und schöne Gebäude wieder gegeben. Die unterirdische Verbindung zur SportArena sei ebenso wie der Tunnel, die Treppen und die Rampen zwischen Großer Straße und Johannisstraße zurückgebaut worden.

Neugestaltung des Neumarkts und Stärkung der Johannisstraße

Es wurden danach Vorschläge zur Neugestaltung des Neumarkts und zur Stärkung der Johannisstraße vorgetragen. 

Einerseits drei Varianten von der Konzeptgruppe Plan B und ein Plan C Logistik von Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net.

Vorschläge der Konzeptgruppe Plan B

Die Konzeptgruppe PlanB hat durch ehrenamtliche Arbeit von Fachleuten ein Mischnutzungskonzept – mit gestalterischen Alternativen und auf Realisierungsfähigkeit geprüft – erarbeitet. Damit wollen sie eine gute Grundlage für eine zügige Planänderung zu einem alternativen Bebauungsplan schaffen. Die Konzeptgruppe bietet dem Oberbürgermeister und den Fraktionen der Stadt Osnabrück ihre Expertise an, um zu erarbeiten, wie das Konzept für eine zukunftsfähige Lösung für das Neumarktquartier genutzt werden kann.

Die Konzeptgruppe hat dabei Wünsche formuliert, die neben der Einbeziehung der Bürgerschaft für eine gemeinsame zukunftsfähige Lösung auch die Sicherstellung der gestalterischen Qualität des Neumarktquartiers durch Hochbau- und freiraumplanerische Wettbewerbe beinhalten.

Ferner fordern sie Unterstützung seitens der Politik und Verwaltung für die Umsetzung kreativer Zwischennutzungen (z. B. Parkhaus Große Rosenstr., Räume für Existenzgründer, Popup-Läden, Künstlerateliers…) bis zum Rückbau der Gebäude. In diesem Punkt gab es sofort die Zusage der Unterstützung von der CDU Ratsfrau Anette Meyer zu Strohen und der Vertreterin des Osnabrücker Einzelhandels, Mechthild Möllenkamp (EDEKA Center Möllenkamp, Präsidentin des Handels- und Dienstleitungsverbandes Osnabrück-Emsland e.V.).

Die Konzeptgruppe geht auch davon aus, dass dem Investor Unibail-Rodamco-Westfield mit Sitz in Paris daran gelegen ist, in Osnabrück eine städtebauliche Lösung in hoher Qualität und mit Verantwortung für die Stadtentwicklung zu realisieren. Das sei eine wesentliche Grundlage für eine zukünftige Zusammenarbeit.

Sie gehen bei ihrer Planung auf die Geschichte des Neumarkts als zentralen Platz ein, an dem heute noch über 1700 Busbewegungen täglich stattfinden und um die 42.000 Menschen, viele Schüler, ihren Weg gehen.

Das Ergebnis des bürgerschaftlichen Planungsprozesses ist ein ansehnlicher Komplex mit viel Platz für 200 Wohnungen, Einzelhandel, Büroarbeitsplätzen, Hochschuleinrichtungen und einem Erlebniskulturzentrum, wie es schon in Amsterdam seit Jahren gibt- einer hochmodernen und offenen, modernen Stadtbibliothek.

Auf etwa 9000 Quadratmeter Grundfläche vom Neumarkt bis zur Großen Rosenstraße soll ein modernes Quartier entstehen.

Die Varianten im Detail

Die Vorschläge A, B und C der Konzeptgruppe Plan B. Zur Vergrößerung auf das jeweilige Bild klicken.

Legende:
  • Blau – Handel, Dienstleistungen
  • Rot – Kultur und Hochschule (Bibliothek)
  • Gelb – Parken
  • Grün – Wohnen

In allen drei Varianten, die die Architekten Bernd Dälken und Stephan Zech und Diplom Ingenieur Oliver Meyer-Leive am Montagabend im VHG Gebäude vorstellten, ist die Seminarstraße offen.

Die Variante B und C sehe eine zusätzliche Gasse parallel zur Johannisstraße vor, die den Neumarkt und die Seminarstraße verbindet und eine Verbindung zur Kamp-Promenade herstellt. Damit würde an der Ecke Johannisstraße/Neumarkt ein solitärer Bau möglich – in Variante B Handel/Dienstleistungen und Wohnungen, oder es könnte mit der Variante C die neue moderne Bibliothek entstehen.

Wie sich die Planer von Plan B so eine Bibliothek vorstellen, stellen sie in einem Video vor.

Neue Stadtbibliothek

Dieses Kulturzentrum soll ein Raum der Begegnung sein. Es ist variabel nutzbar für die Volkshochschule, für kulturpädagogische Angebote und Künstlerateliers, nicht nur für Schüler und Studenten, sondern generationsübergreifend, wie auch die 200 Wohnungen gedacht sind.

Als Vorbilder dienen den Planern, die „Openbare Bibliotheek“ am Javaplein in Amsterdam oder die Bibliothek in Aarhus, Dänemark.

Es gibt für die Gestaltung des Solitärbaus mit der Bibliothek sehr kreative und gewagte Ideen. Eine sieht ein Automuseum vor, in dem die bislang nicht öffentliche Karmann-Sammlung ausgestellt werden könnte. Ein architektonisch interessanter Solitärbau mit solch einem Innenleben könnte zu einem Wahrzeichen Osnabrücks werden, Strahlkraft ausüben und auch die Johannisstraße stärken.

In den Erdgeschossen sind Lokale, Handel und Diensleistungen (Blaue Markierung) vorgesehen. Etwa 6000 Quadratmeter stünden insgesamt für kleinteiligen Einzelhandel und Gastronomie zur Verfügung.

In den oberen Etagen (grüne Markierung) sollen auf 14000 Quadratmeter bis zu 200 Wohneinheiten möglich sein. Wohnungen für Familien, Studenten, Senioren, Wohngemeinschaften, Singles. „Wir wollen eine gute soziale Durchmischung“, so Dr. Stephan Zech und Bernd Dälken. Die Planer wollen an Höhe gewinnen und zugleich Akzente setzen: Die Gebäude sollen bis zu sieben Geschosse haben, heute sind es lediglich vier.

Die finanzielle Umsetzung

Die Planer favorisieren eine Teilung nach Nutzungsarten. Die beiden Experten haben nach eigenen Angaben marktübliche Mieterträge zu Grunde gelegt und kommen zu dem Ergebnis, dass die Zahlen für Investoren interessant sind. Meyer-Leive sprach von einem „guten Ergebnis“, das Geldgeber erwarten dürften. Konkrete Zahlen wollte er nicht nennen, da sie nur ehrenamtlich tätig sind und nicht haftbar sein wollen. Aber eine Rendite von 5-7 % könnten möglich sein. Die Investitionssumme bezifferte er grob auf eine „hohe zweistellige Millionensumme, vielleicht auch dreistellig.“


Vorstellung des Plan C durch Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert

Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net. bei der Vorstellung seines Plans C mit dem Schwerpunkt Logistik

Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net setzte bei der Vorstellung des Plan C auf den Schwerpunkt Logistik, um das Verkehrschaos in den Städten durch Lieferfahrzeuge und Zulieferer zu vermeiden und den Geschäften vor Ort Lagerfläche zu ermöglichen. Seifert sieht hier die Möglichkeit im alten Wöhrl Kachelhaus Lagerfläche für den umliegenden Handel zu schaffen. Auch er befürwortete in die Höhe zu verdichten.

Perspektive und Funktionen des neuen Baus aus der Sicht des Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net

Hintergrund Neumarkt

Für das Einkaufscenter wurde 2018 nach Abschluss eines Normenkontrollverfahrens fristgerecht der Bauantrag eingereicht. Völlig unerwartet teilte der Hauptgesellschafter Unibail-Rodamco-Westfield dann telefonisch und mit einer Pressemitteilung am 14.06.2019 mit, dass das EKZ nicht gebaut wird.

Eine schriftliche Erklärung der Bauantragstellerin, der Neumarkt 14 Projekt GmbH & Co. KG liegt noch nicht vor. Der Bauantrag wurde nicht zurückgezogen. Derzeit sichere der B-Plan 600 das Baurecht. Es soll jetzt vom Investor Unibail Rodamco Westfield eine gemischt genutzte Immobilienentwicklung angestrebt werden, die einen neuen B-Plan erfordere.

Entschieden sei jedoch nicht, ob und wann gegebenenfalls die Grundstücke zu diesem Zweck oder ohne Zweckbindung verkauft würden.

Der formale Stand ist bislang, dass die Bauantragstellerin, die Neumarkt 14 Projekt GmbH & Co. KG den Bauantrag nicht zurückgezogen hat.

Insofern hat die Veranstaltung letztendlich zunächst nur symbolischen Charakter, der aber angesichts der hochrangigen Gäste aus Einzelhandel, Wirtschaft, Universität und Stadt und Verwaltung, die zu der Veranstaltung gekommen waren, enorm war. Nicht zu vergessen die vielen Bürger und Bürgerinnen Osnabrück, wovon sogar jemand Demonstrationen am Neumarkt ins Spiel brachte.

Die Meinung der Bürger

Wir haben die Zeit nach der Veranstaltung genutzt, um Bürger zu fragen, wie sie zum Neumarkt und der Johannistraße stehen und was sie favorisieren würden. Das Interesse an dem Thema ist sehr groß und für viele Osnabrücker auch eine Herzensangelegenheit.

Favorisiert wird die Variante C der Konzeptplaner von Plan B, mit dem Solitärbau. Variante A scheidet aus, da die Gasse parallel zur Johannistraße fehlt: „Wer geht da schon ganz drumherum?“, war eine häufige Antwort.

Variante C der Konzeptplaner von Plan B, http://planb-os.de

Es wurde aber auch gefragt, ob es denn sieben Stockwerke sein müßten, ob der Bedarf da wäre. Genau die Frage hatte Dr. Ralph Lübbe vom Bund der Osnabrücker Bürger (BOB) , der mit seiner Fraktion und Stephen Grüner zur Veranstaltung erschienen war, auch gestellt.

Eine grüne Oase mit Aufenthaltscharakter ist schon seit langem Wunsch der Bürger und wurde auch hier oft erwähnt. Wir fragten Dipl.-Kffr. Kerstin Meyer-Leive nach der Möglichkeit, die natürlich besteht, aber auch die Rendite schmälern würde.

In den Gesprächen mit den Bürgern wurde aber auch deutlich, dass sie sich eine verlässliche und bedarfsorientierte Verkehrsplanung wünschen. Gerade dieser Mangel, verbunden mit dem städtebaulichen Verfall, drängt viele Bürger eher dazu, diesen Stadtteil zu vermeiden.

Verena Kämmerling, CDU Ratmitglied präferierte wie die Zuschauer an dem Montagabend den Vorschlag des Plan B Gruppe. „Ein tolles Konzept, mit generationsübergreifenden Wohnungkonzept“, welches es auch Senioren ermögliche, länger an der Mobilität teilzuhaben, statt am Stadtrand zu wohnen. Sie lobte auch die Sicht von Prof. Seifert, der die Logistik nicht ausser Acht ließ. Statt zugeparkter Radwege durch den Lieferverkehr bestünde hier die Möglichkeit das neue Citylogistik Konzept mit UPS weiter auszubauen und Lagerfläche zu schaffen. Kämmerling sieht den zukünftigen Weg darin, keinen Druck aufzubauen. Eigentum genieße in Deutschland einen Schutz und es wäre gut, den Gesprächsfaden nicht abreissen zu lassen und Einigkeit mit dem Investor zu suchen.

Ein Rechtsanwalt unter den Zuschauern bekräftigte dieses Ziel, denn eine eventuelle Klage würde immer auch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und das Projekt weiter verzögern.

Résumé

Das Ziel ein starkes politisches Signal des gemeinsamen Handelns und der Entschlossenheit zu setzen, ist Dr. E. h. Fritz Brickwedde an diesem Abend gelungen.

Ob der Osnabrücker Rat sich zu solch´einer gemeinsamen Entschlossenheit durchringen kann, wird heute in der Sitzung des Stadt und Entwicklungsausschusses, der das erste Mal nach der Sommerpause tagt, deutlich werden.

Bildquellen

  • Gruppenbild: Bianka Specker
  • Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net.: Bianka Specker
  • Perspektive und Funktionen des neuen Baus aus der Sicht des Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Leiter des Institut Logis.Net: Bianka Specker
  • Plan-B-Variante-C-1: http://planb-os.de