Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing in der Osternacht im Hohen Dom zu Limburg

Bischof Dr. Georg Bätzing bei der übertragenen Eucharistiefeier im Hohen Dom zu Limburg. Bild: Screenshot OSK/BS.

Eucharistiefeier im Hohen Dom zu Limburg im Wortlaut

Lesungen: Gen 22, Ex 14–15, Jes 54, Röm 6
Evangelium: Mk 16,1–7

„Auferstehung – Der beste Einfall Gottes“

Jesus lebt! Was für ein Glück! Ja, was für ein Wunder! Tatsächlich ist die Auferstehung Jesu das größte Wunder aller Zeiten, liebe Schwestern und Brüder. Denn niemand konnte damit rechnen. Nach menschlichem Ermessen war das Schicksal Jesu von Nazaret mit seinem letzten Atemzug besiegelt.

Tot ist tot. Alles darüber hinaus wäre wahrhaftig ein Wunder. Und Wundern gegenüber bleiben wir skeptisch. „Es ist noch keiner zurückgekommen“, habe ich oft trauernde Angehörige sagen hören, und wenn ich dann entgegne: „Doch, Jesus lebt!“, dann schaue ich ebenso oft in zweifelnde Gesichter.

Wir dürfen es uns mit Ostern auch nicht zu leicht machen. Was wäre das für ein Wunder, wenn es offensichtlich wäre und niemanden mehr zum Zweifel oder Widerspruch reizte; wenn alle Welt glauben könnte, was für uns die Glaubenssache schlechthin ist? Und wir schwanken doch selbst auch oft hin und her. Darum ist es gut, dass wir heute Abend so lange im Halbdunkel geblieben sind. Mit weniger Sinneseindrücken war vielleicht die Aufmerksamkeit größer, hören und verstehen zu können, wovon die Lesungen des Alten Testamentes sprechen. Abrahams Opfer, der Ausbruch in die Freiheit und eine glänzende Zukunft für Jerusalem: Das alles sind höchst prekäre Situationen, an die sich das Gottesvolk stets erinnert.

Alles stand auf der Kippe. Wenig deutete auf einen guten Ausgang hin. Jerusalem fiel der babylonischen Großmacht zum Opfer und ging in Trümmern unter. Wer will da an eine große Zukunft denken? Eine kleine Gruppe von Arbeitssklaven wagt den Ausbruch aus Ägypten. Wer glaubt angesichts der militärischen Stärke des Pharao ernsthaft an ein Entkommen? Und Abrahams Gottvertrauen steht in der Erprobung. Einen höheren Preis kann niemand zahlen, als sein Ein und Alles herzugeben. Nicht auszudenken, wenn da der Himmel nicht eingegriffen hätte.

Immer kommt die entscheidende Wende völlig überraschend. Es sind hoch spannende Episoden, und man reibt sich die Augen. Das sind nicht nur exzellente Stücke der Weltliteratur, glänzende Erzählungen, in denen sich religionsgeschichtliche Entwicklungen spiegeln; es sind Schlüsselerfahrungen gläubiger Menschen mit Gott. Ohne das Eingreifen Gottes wären diese Geschichten aussichtslos geblieben. Diese Glaubenserfahrung bestärkt Israel in der Gewissheit, dass Gott die Geschichte lenkt, dass er mitgeht, einspringt, die Not wendet und vor dem sicheren Tod rettet. Wir tun gut daran, uns Jahr für Jahr in der Osternacht auf diese Weise zu vergewissern. Es ist nicht unvernünftig, Ostern zu feiern und an das Wunder der Auferstehung zu glauben. Denn schon oft hat sich Gott als Lebensretter erwiesen.

Und doch ist die Auferstehung Jesu nicht bloß die logische Schlussfolgerung aus vielen Erfahrungen zuvor. Dass der Gekreuzigte lebt, lässt sich nicht herleiten wie eine mathematische Gleichung. Man muss schon fest im Glauben verwurzelt sein, und selbst das reicht nicht aus. Denn die Hürden des Verstehens sind hoch und die aufgeklärten Gegenargumente gewichtig. Und es war noch nie anders: Der Stein vor dem Grab Jesu „war sehr groß“ (Mk 16,4). Wer könnte ihn uns wegwälzen?

Ostern ist ein genialer Einfall Gottes, der beste, seitdem er die Welt geschaffen hat. Denn in der Auferweckung seines geliebten Sohnes macht Gott deutlich, wie sehr er am Leben jeder und jedes Einzelnen hängt, die er ins Dasein gerufen hat: Er behütet das Leben seiner Frommen und überlässt uns nicht dem Tod, heißt es in Psalm 16. Ostern ist Gottes unübertroffene Weise, seine Menschenfreundlichkeit zu zeigen. Und es macht deutlich, wie er gedenkt, den Opfern der Geschichte gegenüber dem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, zu ihrem Recht zu verhelfen; die jäh aus dem Leben Weggerafften – auch die zigtausenden Opfer der Pandemie – sollen auf ewig Leben genießen.

Aber es braucht auch – in einer weiteren Initiative – den „Einfall Gottes“ in unser Herz und in unseren Geist, um an das Wunder der Auferstehung glauben zu können. Es ist, wie wenn ich lange nach der Lösung eines schweren Problems suche und sie beim besten Willen nicht finden kann; doch plötzlich, unerwartet eine Idee, der Durchbruch, ein Einfall, der Wege auftut. So ist es mit dem Glauben an die Auferstehung: Er ist nicht selbstverständlich – auch nicht für uns Getaufte und Gefirmte. Er ist eine große, unverdiente Gnade: der geniale Einfall Gottes für mein Leben.

Was das heißt, davon spricht Paulus im Römerbrief. „Wir“, sagt er, „wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden […] [sollen] in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm 6,3 f.). Ich deute das so: Wir sollen leben. Und das Leben ist, wie es ist: mal zauberhaft schön, mal einfach nur langweilig, mal widerspenstig, mal aufregend und spannend, mal mühsam und schmerzvoll. Auch uns wird nichts einfach geschenkt. Vielen bleiben Leid, Konflikte und Lebenskrisen nicht erspart. „Der Christ“, so hat Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) schon gewusst, „hat nicht wie die Gläubigen der Erlösungsmythen aus den irdischen Aufgaben und Schwierigkeiten immer noch eine letzte Ausflucht ins Ewige, sondern er muss das irdische Leben wie Christus ganz auskosten, und nur indem er das tut, ist der Gekreuzigte und Auferstandene bei ihm“.

Aber das, liebe Schwestern und Brüder, entscheidet für mich alles. Ich bin nicht allein, ich gehe nicht schutzlos, ich lebe behütet und geführt, denn der Herr ist bei mir. Das hoffe und glaube ich fest, bis ich ihn einmal leibhaft vor meinen Augen sehe und seine Hand mich ergreift.

Jesus lebt und wir mit ihm! Was für ein Glück! Ja, was für ein Wunder! Amen. Halleluja.

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