Deutschland spaltet Alle

Unser erstes Jahr

Das Rammstein Video „Deutschland“ sorgte im letzten Jahr für großes Aufsehen und war Grundlage zahlreicher Diskussionen.

Wir konnten den exzellenten Dr. phil. Christian Hardinghaus, einen bekannten Historiker und Schriftsteller, als Gastautor gewinnen.

Den folgenden Kommentar schrieb er exklusiv für den Oskurier.


Ein Kommentar des Gastautors Christian Hardinghaus zum aktuellen Rammstein Video Deutschland

Ein modernes Heimatlied über die dunkle, deutsche Vergangenheit hält den Deutschen einen Spiegel vor. Sie sollen sich nicht mehr zanken, tun es aber erst recht. Das ist Kunst, die wirkt. Rammstein will mit seinem neuen Song nicht nur provozieren, sondern erlösen und vereinen. Deutschland ist ein unpolitisches Lied, weder rechts, noch links. Eine Message transportiert es trotzdem. 

Deutschland ist gespalten. Wieder einmal. Migrationspolitik, Klimapolitik, EU-Politik. Die Gemüter sind erhitzt. Schubladendenken, Aufteilung in Gruppen, gegenseitiges Unverständnis, Hatz und Hetze – jeden Tag, von überall. Nun spalten sich die Geister dieses Landes am neuen Rammstein-Video Deutschland. Und das ist gewollt, diese Spaltung ist Teil eines großen Kunstwerkes, sie zeigt nämlich auf und – besser noch – sie erklärt, warum die Deutschen so unterschiedlich sind, wie sie sind. Nicht alle gemeinsam schwarz-rot-gold, sondern zunehmend schwarz und weiß. Rechts und links, keine Mitte. Jeder will zu den Guten gehören. Die Empörung und die Zerrissenheit war für und ob des Videos einprogrammiert.

Ein Video, das polarisiert

Rammstein hält der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. Schon der 30 Sekunden dauernde Trailer, der zwei Tage vor Veröffentlichung des Videos erschien, hat Empörung hervorgerufen. Schließlich war darin ein KZ zu sehen, der Titel lautet Deutschland– auch noch in Frakturschrift. Verdächtig. Medien witterten einen neuen Skandal. Politiker, Verbände ließen sich zu vorschnellen Interpretationen hinreißen. Zeigten Rammstein nun endlich die von einigen schon lange vermutete rechte Gesinnung? Würden sie den Holocaust instrumentalisieren? Könnte hier Antisemitismus lauern? Wie albern! 

Jedem klar denkenden Menschen hätte bewusst sein müssen, dass Rammstein nicht plötzlich den Holocaust verunglimpfen würde. Selbst wenn sie es gewollt hätten, könnten sie es sich wohl kaum leisten. Was sie geschickt gemacht haben, ist, auf die schnelle Empörung der Medien zu setzen, die mehr und mehr auf Skandalisierung geprägt sind.

Die Spaltung schreitet voran 

Zwei Tage später, am 28. März, ist das Video veröffentlicht und überrascht gleich mit einer Länge von 9:23 Minuten. Einige Fans und Kritiker bleiben bis in die frühen Morgenstunden auf, um endlich feststellen zu können, ob Rammstein links oder rechts sind. Sind Rammstein Fürsprecher meiner Gruppe oder stehen sie zu den anderen? Gehören sie zu den Guten oder zu den Bösen? Und wer sind die Guten, wer die Bösen? Kann man das wirklich an rechts und links festmachen? Das würde natürlich voraussetzen, zu wissen, was rechts und links bedeutet. Doch schon das gelingt nicht, denn dafür hat jeder seine ganz eigene Vorstellung. Alle werden enttäuscht, denn jeder interpretiert die Szenen und Liedtexte nur so, wie er möchte. Er hebt Stellen, die ihm Halt in seiner Ansicht von Deutschland geben, hervor, klammert die entsprechend anderen aus. Vor allem diejenigen Personen, die sich selbst als links bezeichnen, scheinen sich besonders schwer zu tun mit der Analyse. Wie im Wahn wiederholen sie auf den Rammstein-Seiten in den Sozialen Medien immer wieder: „Rammstein sind links.“ Sie zitieren Interviews, die dies belegen sollen. Man liest völlig abstruse Argumente „Rammstein hassen Nazis, deswegen sind Rammstein links.“ Warum man links sein muss, wenn man Nazis hasst, bleibt dabei eine unbeantwortete Frage. „KZ-Häftlinge schießen Aufsehern ins Gesicht, Germania ist eine schwarze Frau. Das alles zeigt doch, dass sie vor rechts warnen.“ Nun ja, das tun sie, doch warnen sie nicht weniger vor links. Schließlich kritisieren sie in ihrem Video ebenfalls den deutschen Sozialismus, die DDR, die R.A.F.

Gegen Extremismus aller Art 

Warum also fällt es den Menschen so schwer, zu erkennen, dass Rammstein Extremisten aller Seiten kritisiert? Das tun sie sehr anschaulich durch eine Zeitreise deutscher Geschichte. Nein, eigentlich durch eine Zeitreise der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Vom Gemetzel der Varus-Schlacht am Teutoburger Wald, über das dunkle Mittelalter, die christlichen Kreuzzüge, Inquisition, dreißig Jährige Kriege, Nationalismus unter Kaiser Wilhelm, Katastrophen wie dem Absturz der Hindenburg, Straßenschlachten der 20er Jahre, Nazi-Terror, SED-Regime, die Komplexe der Baader Meinhofs, bis hin zu linksextremistischen Anschläge der jüngeren Geschichte. 
Deutschlandist kein politisches Lied, schon gar nicht stellt sich Rammstein auf irgendeine politische Seite. Rammstein singt eine klassische Tragödie und liefert dazu die passenden, wenn auch drastischen und provokanten Bilder. Das Lied handelt von den Problemen der Deutschen, eine Einheit zu sein, vom Verlust der deutschen Identität. Sänger Till Lindemann singt aus der Sicht eines verletzten Patrioten, der sein Land lieben will, zu ihm stehen will, doch dem es zunehmend schwer fällt, dies zu tun, beim Blick in die Geschichte – in die dunkle Geschichte. Den Schmerz sieht man ihm an. Er singt: „Deutschland – deine Liebe Ist Fluch und Segen. Deutschland – meine Liebe kann ich dir nicht geben“ – und weint dabei. Sein Herz ist zerrissen. Deutschland: „Man kann Dich lieben, man will Dich hassen.“ Beides scheint nicht zu gelingen. Doch: „Ich werde Dich nie verlassen.“ Die Hoffnung bleibt, sie steht da wie immer, zu einem besseren Miteinander zu finden. 

Perfekt inszenierte historische Zeitreise 

Deutschland ist ein Heimatlied. Kein Liebeslied, kein Hasslied. Till Lindemann besingt eine Hassliebe, die schon Hunderte Millionen unserer Vorfahren gespürt haben. Sie liebten und lieben ihr Land, das aber immer und immer wieder in seiner Geschichte von herrschenden Cliquen und ihren abstrusen Ideologien missbraucht wurde und wird. Rammstein hätte auch ein Lied machen können über die glorreichen Zeiten der deutschen Geschichte. Einigkeit und Recht und Freiheit … Blüh im Glanze dieses Glückes. Menschen, die sich bei der Wiedervereinigung in den Armen liegen. Deutschlands Dichter und Denker, Deutschlands Erfindungen, die Kultur, das Essen. Die unverwechselbar schöne Natur von den Alpen bis zur Ostsee. Es wäre ein Liebeslied geworden, das – man ahnt es schon – allerdings nicht weniger Kritik geerntet hätte. Dann wäre alles viel zu positiv dargestellt gewesen, relativierend, das Böse ausklammernd. 

Fernab der Message, die das Lied transportiert, ist dieses Video, es sei noch mal gesagt, ein Kunstwerk. Das zeigt sich in der Liebe zum Detail. Ein perfektes Zusammenspiel von Historikern, Kameraleuten, Masken- und Kostümbildnern, Regisseuren, Drehbuchautoren, Szenenbildern, Schauspielern und Statisten. Entsprechend honoriert die Band die Arbeit aller in einem fast vier Minuten andauernden Abspann. Mit Piano begleitet, alle Beteiligten aufführend. Das ist heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es zeigt: Einheit!

Mahnung an die Zukunft

Ein Kunstwerk lebt von der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird. In diesem Falle weltweit. Doch während Rammstein-Fans aus aller Welt das Lied und das Video vorurteilsfrei genießen können, schmerzt es die Deutschen. Und für uns wird dieses Kunstwerk noch lange nachhallen. Andere Künstler, Autoren, Musiker werden darauf aufspringen, es weiterspinnen. Denn die Debatte darüber, wer wir Deutschen sind, wer wir sein sollten, wer wir sein können, bleibt in den nächsten Jahren ein Schwerpunkt-Thema in unserer Gesellschaft. Wir sollten lernen, weniger über die Anderen zu reden, sondern vielmehr über uns. Das hilft dann auch den Anderen, die uns nicht verstehen können. Die Debatte sollte fair und ehrlich geführt werden.

Dazu gehört das Verständnis für unsere Vergangenheit. Wenn wir aufhören, die Vergangenheit nur schwarz oder weiß zu sehen, wenn wir uns klar machen, dass es in jeder Epoche dieses Landes böse und gute Menschen gegeben hat – so wie auch heute. Dann möglicherweise gelingt es uns, dies für die Gegenwart zu übernehmen und der Zukunft zu schenken. Das wäre uns allen zu wünschen. Denn die meisten der als so bezeichneten Rechten sind gar nicht so rechts, wie die Linken sie sehen, und die meisten der sogenannten Linken sind nicht so links, wie die vermeintlich Rechten sie sehen. Konservativen Meinungen ein Nazi-Etikett aufzudrücken, liberalen Standpunkte als linksextremistisch abzuurteilen – wenn das so weitergeht, reiht sich die nächste Episode dunkler deutscher Geschichte an das Rammstein-Video an. Besser wäre es, sich zu versöhnen, Gemeinsamkeiten zu finden, das Land positiv zu gestalten, zu diesem Land zu stehen, auch mit unterschiedlichen Meinungen. So kann die so geschundene Germania vielleicht eines Tages geheilt werden. 

Zur Person

Dr. phil. Christian Hardinghaus ist Historiker und Schriftsteller. Mit seinen aktuellen Büchern, der Biographie „Ferdinand Sauerbruch und die Charité“ und dem zeithistorischen Roman „Die Spionin der Charité“, die begleitend zum ARD Serienerfolg erschienen, wendet er sich gegen die vorschnelle Verurteilung und Verklärung von mutigen Menschen zu Verrätern oder Nazis.

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